Mit Spannung leben

Fotoinstallation zum Thema Ost-West von Ute Döring im Keller-Klub Darmstadt

Zwei Mal Deutschland Mitte der 70er Jahre, Ost und West fotografisch übereinander geblendet, als wärs ein Land gewesen. Doch bleibt eine Kluft zwischen beiden Bildwelten, sechs Millimeter dick, als formale Leerstelle für die unerfüllte Sehnsucht nach einer nie wirklich gefühlten Einheit? Ute Döring, gebürtige Dresdnerin und seit 1996 in Darmstadt beheimatet, legt mit ihrer im Keller-Klub präsentierten Fotoinstallation einen spannungsreichen Beitrag zum Thema Ost-West vor: Einerseits einen Vermittlungsversuch zwischen beiden Welten, den Menschen, Architekturen und Alltäglichkeiten, andererseits ein “komplexes Seh- und Reflexionserlebnis”, wie Kunstkritiker Roland Held bei der Eröffnung am Donnerstag anerkennend rühmte…

Denn, so analysierte er die in einer Serie Leuchtkästen installierte Bilderstrecke, im Überlagern der Fotofolien spiegelten sich Ost- in Weststädten, Darmstadt in Dresden / Leipzig / Magdeburg im 70er-Jahre-Gewand, und offenbarten, trotz aller Analogien und Vergleichbarkeiten, eben auch die Kontraste zweier durch eine Mauer getrennter Landesteile. Eine graue Folie blendet die zu Strukturen sich auflösenden Bildrelikte aus Dörings ehemaliger Heimat über farbige West-Dias, die der Künstlerin per Zufall in die Hände fielen: Sie rettete die Bilder eines fremden Darmstädter Fotografen einst vor dem Müll. Bilder eines Anonymen aus dem Westen, dem Land, in das die Künstlerin zur Zeit der Aufnahmen nicht reisen durfte, überblendet mit eigenen Fotos aus DDR-Zeiten: Daraus kollagiert sie eine vielschichtige Erinnerungsarbeit, die, so Roland Held weiter, gleichzeitig das Vergessen thematisiere. Schon der Titel vermittle davon einen Eindruck: “Sehnsucht - Materialien I und II”. Persönliche Sehnsüchte seien darin zum Ausdruck gebracht wie auch der kollektive Wunsch der Nachkriegszeit, durch Bauarbeiten im Westen die Folgen des Krieges zu kaschieren.

Dialoge zwischen Ost und West sind eine aparte Angelegenheit. Deutschland ist ein Land mit zwei Gesichtern und der Reiz, die Unterschiede zu negieren, bis heute ungebrochen. Die Differenzen in Wahrnehmung und Empfindung wurden empfindlich sichtbar in dem Versuch, die Ausstellung durch einen Ost-West-Dialog zu eröffnen. Zum Hin-und Herreichen der Worte kam es nicht zwischen Roland Held, Kunstkritiker West, und Kurt Drawert, Lyriker Ost und Ehemann von Ute Döring. Stattdessen standen sich zwei Monologe und Analysestandpunkte gegenüber: Der Westler betonte die Gemeinsamkeiten der überlappenden Motive und schloss: So unterschiedlich sei Leben in Ost und West im Tiefsten nicht gewesen. Empörter Widerspruch von Ost: Gerade die Differenz der Systeme sei in Dörings Arbeit durch die Leerstelle in unauflösbarer Spannung gehalten. Wie im richtigen Leben, so stand auch zur Eröffnung am Ende eine Wiedervereinigung, die die Gegensätze nicht aufhebt und mit Spannungen leben lernen muss: “Die Wiedervereinigung”, so Drawert, “hat die Illusion gesprengt.”

Bis 14. Oktober in der Galerie im Keller-Klub im Schloss Darmstadt; geöffnet täglich, außer montags, ab 20 Uhr.

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