Kunst zeigt, was alles möglich ist

Mit dem Echo-Bus auf Kulturtour: Eine Tagesreise zur 12. Dokumenta in Kassel und ihre Folgen für die persönliche Sicht auf die zeitgenössische Kunst

8 Uhr: Im Bus dämmert nach eineinhalb Stunden Fahrt noch Morgenschläfrigkeit. Zeitungsrascheln und Gespräche im Flüsterton. Einige bereiten sich auf den Kunstmarathon vor, schmökern in den Zeitungsartikeln, die Reiseleiter Wehnert austeilt. “Ich habe keine Ahnung von Kunst”, flüstert Frau B., “ich bin neugierig und suche Antworten auf meine Fragen, zum Beispiel, was Kunst von Nicht-Kunst unterscheidet und woran man das fest macht.” Subjektiv, ganz subjektiv sei die Auswahl der 522 auf der Dokumenta ausgestellten Arbeiten, erklärt Andrea Schmidt, später in Kassel zugestiegene Kunsthistorikerin, die die 43-köpfige Gruppe aus Darmstadt acht Stunden mit kompetentem Orientierungsangebot durch fünf Ausstellungsorte begleiten wird. Kein allwissender Kunstmäzen also, der sagt, welches Werk den Rang von Weltkunst verdient? Frau B. und ihre Mitreisenden müssen sich aufs eigene Sehen und Urteilen verlassen.

10 Uhr: Erste Eindrücke im Fridericianum bleiben bei der Tanzperformance von Trisha Brown hängen, ein Hingucker: Wie Schlangen schlüpfen Tänzerinnen in ein Netz aus Kleidungsstücken, Anmut in Zeitlupe, gewebt aus Alltagsgebärden. Frau B. lacht über ihre Fantasien: “Wie Affen im Urwald hängen sie sich in die Kleider, ich hätte Angst, dass die Nähte platzen!” Die Ruhe und Alltäglichkeit dieser Arbeit sprächen zu ihr, sagt sie, “das geht richtig in den Bauch”. Später entdeckt sie im anderen Raum abstrakte Zeichnungen derselben Künstlerin: “Die erinnern mich an Fingerschattenspiele, die ich mit den Kindern gemacht habe.” Beim Schauen mit dem Erinnern spielen, das wird für Frau B. zu einem Leitfaden, an dem entlang sie sich die fremde Kunst vertraut macht. Als sie unter den sich tänzerisch im Raum und durch die Gebäudewand nach draußen windenden Edelstahlbögen der begehbaren Plastik von Iole des Freitas hindurchschlüpft, lässt sie ihre Fantasie bockspringen: “Es ist, als ginge man in Muscheln hinein, oder in Blüten.”

12 Uhr: Manches Werk erschließt sich den Kunstreisenden nur mühsam. Kopfschütteln, ratlose Blicke. Oft genügt schon eine Hinführung von Kunstexpertin Schmidt, um den Zugang zu erleichtern. Man tüftelt mit vereinter Assoziationskraft vor den Wandteppichen von Abdoulaye Konate, in die der Konflikt zwischen Israel und Palästina zur Symbolsprache vernäht wurde. Im Austausch von Sichtweisen eröffnen sich Möglichkeiten neuer Wahrnehmung, Verstehen blitzt auf. Sogar die abstoßende Votivmalerei von Juan Davila, die körperlichen Schmerz und sexuelle Perversion wie Trödel ins Tafelbild stapelt, findet nach sachkundiger Erklärung Verständnis bei einer Teilnehmerin: Als Ausdruck einer Abrechnung mit dem Unrechtsstaat Chile könne sie mit den Schauerlichkeiten nun doch etwas anfangen.

13 Uhr: Auepavillon. Kunst rauscht an Augen und Ohren vorbei, der Jahrmarkt möglicher Realitäten fordert heraus und überfordert. Frau W. kann die Eindrücke kaum sortieren: “Überwältigend, wieviel Leid in anderen Ländern herrscht – das habe ich nie so eindrücklich gesehen.” “Das nackte Leben” – die dritte Maxime der Kuratoren, unter der sie “ihre” Dokumenta verstanden wissen wollen, berührt die Darmstädter besonders. Ungezählt die Dokumentationen über Elend, Hunger, Unrecht. “Das trifft mehr als die Nachrichten im Fernsehen”, sagt eine Teilnehmerin.

15 Uhr: Reichlich abgekämpft tauchen die Kunstfreunde ins Dämmerlicht der Neuen Galerie, wo sich feministische Positionen ballen. 50 Prozent Kunst von Frauen konstatiert Andrea Schmidt als Novum der zwölften Weltkunstschau. Erinnerung wird wach, Frauenbewegung wird eifrig resümiert, jahrzehntelanger Ärger über Machogebahren diskutiert, frau freut sich diebisch an einer Kunst, die herrschenden Geschlechterklischees die lange Nase zeigt.

16.45 Uhr: Schloss Wilhelmshöhe. Im Stechschritt vorbei an alten Meistern, denen einige zeitgenössische Pendants zwischen die Rahmenschenkel gehängt wurden. Die Konzentration ist an ihrem Tiefstpunkt. Die Gedanken sind längst übersättigt.

18.30 Uhr: “Das Boot war das Beste”, resümieren einstimmig die Darmstädter Kulturreisenden, als sie, von der Fülle internationaler und quer durch sechs Jahrhunderte miteinander verknüpfter Kunstwerke erschöpft in die Bussessel rutschen. Romuald Hazoumes Boot aus Ölkanistern ist eine preisgekrönte Plastik, die die Sehnsucht nach einer besseren Welt mit der bitteren Realität konfrontiert: Es wird die Flüchtenden aus aller Welt nirgendwo hinbringen, weil es voller Löcher ist. “Dass Kunst uns über die Missstände aufklärt, die es auf der Welt gibt, das hat mich berührt”, zieht Frau K. ihre Tagesbilanz. Freudig und nachdenklich mache ihn die Begegnung mit globaler zeitgenössischer Kunst, bestätigt ihr Mann. Beide sind sich einig: Das war zwar ihre erste, nicht aber ihre letzte Dokumenta. Die Kunst habe sie überrascht, gefordert, auch ein bisschen gepiesackt, aber insgesamt bereichert, sagen viele Teilnehmer zufrieden über den Wissenszuwachs. Auch Frau B. ist zum Bersten mit Bildern gefüllt, und dankbar. Nichts sei ihr fremd gewesen, schwärmt die ehemalige Stewardess. Die Kunst habe sie an Orte und Menschen erinnert, die sie auf ihren Reisen vor 30 Jahren gesehen habe. “Wenn man offen an Kunst herangeht, sagt sie einem auch etwas”, bilanziert sie die Erfahrungen des Tages, die sie mit einer Erkenntnis überrascht haben: “Die Kunst hat mit gezeigt, was alles möglich ist!”

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